Freitag, 29. Januar 2010
Eine Aktion zieht Kreise
Dienstag, 19. Januar 2010
Die hässlichste Frau der Welt von Margrit Schriber

Gemütlich sitze ich im Kaminzimmer. Im Feuer des Kamins sehe ich Julia und Rosie la Belle tanzen, das Knacken des Holzes klingt dabei, wie die Peitsche des Impresario Theodor Fairchild Lent.
Julia Pastrana – die Bartfrau, eine Grand and Novel Attraction, die Affenfrau, die hässlichste Frau der Welt, das einzige Exemplar, Lents Exponat.
Rosie la Belle – Rösli von der Fronalp, ein Verdingkind, eine knospende Rose, eine bezaubernde, verführerische Burlesque-Tänzerin.
Das Leben ist ein Gang mit einer Auswahl von Türen. Es kommt darauf an, die richtige zu öffenen und an den falschen vorüberzugehen.
Rosie hat ihr zuhause verlassen, hat die Grenze, wo das Gebimmel der Geißen nicht mehr zu hören ist überschritten und wollte aus der Innerschweiz nach Amerika. Durch das Stranden des Trecks ist sie in England gelandet, dort Julia begegnet und in die offenen Arme von Lent, dem Tierbändiger, der immer auf der Suche nach Raritäten ist, gelaufen.
Lent kennt keine Grenzen, keine Gefühle, kein Ende – seine Zigarren leuchten bis zum Schluss immer wieder von Neuem auf.
Dennoch entzündet Mister Lent in den Augen beider Mädchen Funken. Sie lieben ihn, sie glauben an seine Liebe, sie hängen an ihm.
Lents Truppe tritt auf und ab. Jede Schau ist durchorganisiert. Nicht nur Millionen von Briten wollen unterhalten werden. Für viele Leute ist der Tag ein Elend. Beim Anblick von noch Elenderen finden sie Trost.
Lovely Julia Pastrana! Here she is!
Während ich ein Holzscheit nachlege, umzüngeln die Flammen meinen Finger und ich schreie innerlich kurz auf.
Der Schrei jedoch hallt durch das Kaminzimmer und verklingt nicht gleich, denn es ist der Schrei Rosies, der Angstschrei Rosies. Der Schrecken ist spürbar, den sie beim Anblick Julias empfindet und dieser kriecht mir den Rücken herunter. Ich stelle leise die Musik im Zimmer an und höre Julia singen.
Die Pastrana ist ein geschliffener Diamant. Die Pastrana sang, als gälte es, Steine zu erweichen, steht in allen Zeitungen.
Für Rosie war Julia Pastrana kein Monster. Julia war die Mutter, die sie nie gekannt, und die Tochter, die sie nie geboren hat. Verbunden durch eine tiefe Freundschaft wiegten sie sich wie das Pendel einer Uhr, in einem Takt.
Zwei Frauen wie Schatten und Licht, Schönheit gegen Versehrtheit. Die eine zeichnet die andere scharf.
Julia Pastrana und Rosie la Belle sind Gefährtinnen, ein Pendelschlag.
Rosie will ihr die letzte Ehre geben, den Wunsch, einen würdevollen Tod zu haben, erfüllen.
Im gleichen Tempo wie ich das Buch ablege, trete ich an den Rand des Felsen und werfe meinen ganz eigenen Kranz in die Tiefe.
Dieses Meisterwerk ist für mich eine Perle von Buch und wurde von einer Perle von Autorin – Margrit Schriber – geschrieben.
Dank einer Testleserunde bin ich mit der hässlichsten Frau in Berührung gekommen und lasse diese nicht mehr los. Während der Lesezeit wurde ich mit glücklichen Gefühlen durchströmt, konnte mich in warmer Umgebung niederlassen, gleichzeitig hatte ich innerliche Schmerzen und mir war ab und an eiskalt.
Margrit Schriber schreibt sachlich, deckt bewusst harte, nackte Fakten auf, umschnörkelt nichts, setzt geschickt verschiedene Erzählperspektiven ein und ruft damit die Emotionen, die tiefsten Empfindungen und Gefühle ihrer Leser hervor.
Wo auch immer Julia gerade ist, wo auch immer sie hinkommen wird, das Buch wie auch Rosie haben ihr die Würde gegeben, die sie verdient hat.
Bänder der Freundschaft werden und müssen immer bestehen und diese sind heilig!
Sehnsucht gibt den Füßen Flügel. Flieg mein kleiner Schmetterling, unser Glücksbringer.
Der Mann mit den tanzenden Augen von Sophie Dahl

I want you.
Ist es ein Malbuch, was nur oberflächlich ausgemalt ist?
Ist es ein Bilderbuch?
Ist es ein Märchen?
Ist es für Erwachsene mit rosaroter Brille?
Pierre, ein Mädchen, benannt nach dem Hotel in dem es gezeugt wurde, findet in den tanzenden Augen eines Mannes ihre große Liebe.
Kurz nachdem diese gefunden wurde, gibt es eine kleine Rückblende in der es um ihre Kindheit in NewYork geht, wohin sie nun auch bald schon zurück kehrt.
Doch warum tut sie das? Es gibt doch nun den Mann mit den tanzenden Augen oder etwa nicht?
Ja, es ist ein Malbuch, was gern in zweierlei Hinsicht weiter ausgemalt werden kann und muss.
Ja, es ist ein liebevoll von Annie Morris illustriertes Buch, auch Bilderbuch, was künstlerischer gar nicht sein könnte.
Ja, es ist ein Märchen, es hat den typischen Aufbau.
Ja, für Erwachsene verschiedener Art, nicht nur mit rosaroter Brille.
Das breite Feld von Liebe, Gefühlen, Leidenschaft – Herzschmerz, Traurigkeit und Verlust wird abgedeckt und sorgt für unterschiedlich schnelle Herzschläge.
Ich hoffe, Sie haben jemanden, dessen Liebe Sie wärmt.
I want you.
Blut und Silber von Sabine Ebert

Frankfurter Buchmesse.
Bücher, wohin das Auge sieht, keine Einzelstücke, oft dieselben in einem Regal, hohe Büchertürme, Menschen mit denselben Exemplaren in der Hand.
Dann kommt der Stand von Droemer Knaur. Ein Buch, eine Vitrine, ein Mensch.
Ich stehe vor dem ersten Hardcover Buch von Frau Ebert, es steht vor mir eingesperrt, umhüllt von Glas und keiner darf es berühren. Geduld bis zum 02.11.09.
Edel, einfach edel. Angefangen vom Cover, was goldig und anmutig strahlt und förmlich die Hand nach mir ausstreckt. Ich greife zu und befühle den goldenen Schriftzug unter dem Cover auf dem Buchrücken. Auf der ersten Seite schaue ich auf eine Zeichnung von Freiberg im Jahr 1295 und danach folgt die Dramatis Personae.
Ich denke gerade daran, dass ich, wenn ich nur eine Seite weiter blättere, im Buch drinnen bin. So erging es mir bei den ersten drei bisher erschienenen "Hebammen"-Bänden von Frau Ebert und schon steh ich auch in "Blut und Silber" mittendrin.
Altenburg, Dezember 1295 dann Freiberg, Januar 1296.
Unsere Stadt wird angegriffen. Ich spanne meinen Bogen, bereit für den Angriff und kämpfe neben Ulrich von Maltritz, Hauptmann Markus und auch der rothaarige junge Christian hilft, wo er kann. Änne hilft auch, sie kümmert sich genau wie die Gauklerin Sybilla auf der Burg um die Verletzten und versorgt diese so gut und schnell sie kann. Die Streitmacht von König Adolf von Nassau ist gewaltig und will Freiberg, die reiche Silberstadt, einnehmen und mit aller Macht Friedrich von Wettin vertreiben. Hätte es unter dem Volk keinen Verrat gegeben, wäre sicher weniger Blut geflossen, aber dann wären sich Markus und Änne auch nicht näher gekommen. Beide werden dennoch getrennt, blutige Schlachten beginnen und das Aufeinandertreffen der Schwerter im Kampf ist deutlich zu hören. Dieser Kampf ist erst der Erste und auch die persönlichen Schicksalsschläge der Handelnden stehen noch bevor.
In drei Teile ist das Buch gegliedert, jeder Teil umfasst das Leid der Menschen in dieser Zeit, Kämpfe, blutige Schlachten, aber auch die Liebe, Zusammenhalt und Stärke der damals Lebenden.
Das Klirren der Schwerter klingt in meinen Ohren, in einer Lesung von Frau Ebert wurden die Kämpfe nachchoreographiert und haben das Buch noch lebendiger gemacht, als es so schon ist.
Anders als in den Hebammenromanen, in denen ich mich sehr mit Marthe verbunden fühlte, ist es hier eher das männliche Geschlecht. Es tut mir weh, einige Weggefährten zu verlieren, mein Herz reißt bei diesen Verlusten, dennoch gibt es starke Männer, die über diese Verluste hinweg trösten und diese wirken wie Balsam für die Leserseele. Vergewaltigungen, Folter, aber auch Zärtlichkeiten und die Geburt von neuem Leben haben einen festen Platz. Änne wie auch Sybilla sind starke Frauen, die kämpfen bis zum Schluss, aber in ihren Charakterzügen nicht mit einer Marthe aus Christiansdorf zu vergleichen sind.
Heute habe ich vor dem Fürstenzug gestanden und mir die tapferen Herren erneut angeschaut. Freiberg, was gleich in der Nähe ist, hat aber spätestens nach dem vierten Buch von Frau Ebert einen Besuch verdient.
Geschichte ist nicht gleich Geschichte, erst recht nicht, wenn Frau Ebert ihre Finger im Spiel hat und trockenen Fakten Leben einhaucht, die wahren Begebenheiten mit fiktiven vermischt und diese zu einem lebendigen Werk vereint.
Das Cafe der kleinen Träume von Sharon Owens

Das Cafe der kleinen Träume.
Ein kleines Cafe steht im Mittelpunkt, das Cafe von Penny und Daniel. Doch träumen Penny und Daniel? Was ist ein Traum? Kann man in Träumen ein Leben lang leben oder kann man ein Leben lang träumen oder gibt es vielleicht gar keine Träume mehr?
Mein Rat ist, betrete dieses Cafe heute und dann geh ein paar Tage oder besser genau 423 Seiten später noch mal in dieses Cafe.
Die Veränderung wird verblüffend sein, das kann ich versprechen und vor allem beobachte die Menschen im Cafe. Setz dich zu ihnen, hör ihnen zu, lass dich auf diese Menschen ein.
Du wirst Brenda versunken in einem Brief antreffen, ein merkwürdiges Geschwisterpaar namens Beatrice und Alice Crawley, alleinstehende Männer, Millie und Jack Mortimer – Freunde der Inhaberin des Cafes, die Gärtnerin Rose Thompson, Henry Blackstaff und seine Frau Aurora, Claire Fitzgerald – erfolgreiche Redakteurin einer Zeitschrift - und vor allem Sadie Smith, eine rundliche Frau mit großem Herz. Schau dich aber immer wieder neu um und betrachte jeden Winkel, es werden ab und an noch einige Menschen dazukommen, andere wiederum weggehen.
Der Gutschein für eine Tasse Kaffee liegt mit diesem Buch auf jeden Fall bereit und wie und wann dieser eingelöst wird, liegt in der Hand des Lesers selbst.
Wer es aber gern tiefgründig und etwas kitschfreier mag, sollte den Gutschein an einen Menschen verschenken, der genau auf dieser Welle schwimmt und das Abtauchen in eine nicht heile, aber gewiss letztendlich sonnige und erfüllte, harmonische Welt sucht.
Dunkle Nachmittage und Abende werden auf jeden Fall erhellt.
Binea.
Wenn Amor diesmal nicht trifft von Diana K. Umbach

Franka. Endlich. Was haben wir lange nicht miteinander gesprochen, du musst mir unbedingt berichten, wie es bei dir in Schottland war, ich bin gespannt und ganz Ohr...
Das war eine turbulente und aufregende Zeit, aber es hat sich gelohnt. Ich packte mein Koffer und war frohen Mutes in Inverness alles so gut wie möglich zu machen, aber mir war auch ein klein wenig mulmig, als ich dann im Flugzeug saß, ob auch alles klappt. Dort angekommen traf ich zuerst auf Anne, eine liebenswerte Dame, bei der ich die ganze Zeit wohnte und die ich sofort ins Herz schloss. Die nächste Frau, die ich traf, war Mary Murphy, die Sekretärin meines Onkels, eine Person, die ich sofort im wahrsten Sinne des Wortes gefressen hatte. Eine reservierte Schottin mit rotem Haar, streng nach hinten gesteckt. Mir ihr musste ich nun also solange vorlieb nehmen, bis mein Onkel wieder gesund war. Ich sag dir, ich soll die Vertretung sein, mich dort behaupten und den Laden so gut es geht schmeißen und meine Karriere vorantreiben sowie meinem Onkel keine Schwierigkeiten machen. Als wäre das nicht schon ein starkes Stück Arbeit, bekomm ich eine Frau mit Haaren auf den Zähnen als Vorzimmertiger. Mein erhofftes Abenteuer in Inverness blieb also vorerst aus, ich war etwas unmotiviert. Doch dann kam Garvin MacFarlane, was für ein Mann. Ich sollte nun ab sofort mit ihm arbeiten, er zeigte mir Tricks und Kniffe im Immobiliengeschäft und dann sind wir gemeinsam zum atemberaubend schönen Glen Village Anwesen gefahren. Doch bevor es um den eigentlichen Verkauf des Anwesens ging, zeigte mir Garvin noch ganz andere Dinge, die vorerst auch mir wichtiger waren. Nach und nach wurde mir dann aber einiges bewusst und es tauchten auf einmal Familiengeheimnisse um das wertvolle Anwesen auf und dann…
Hallo? Na schön, jetzt ist die Verbindung unterbrochen worden.
Ich glaube, Franka hätte noch einiges zu erzählen gewusst und ihr Leben in Schottland nimmt gewiss noch ganz andere Wendungen.
Mit Franka ist es einfach herrlich, sie ist so nah wie bei einem Telefonat oder als ob sie neben mir sitzen würde.
Durch die Schreibweise in der Ich-Form bringt Diana K. Umbach gerade ihre Protagonistin und vor allem auch deren Bekanntschaften ganz nah an den Leser.
Ein Buch gemacht für Frauen, ein Buch voller rosaroter Brillen, ein Buch so einfach und schlicht, ein Buch ohne Schnörkel, ein Buch umgangssprachlich geschrieben, ein Buch, in dem sich Wort an Wort fast ohne Lücken aneinander reiht.
Am Ende kommt die Frage auf: Liebe Frau Umbach, wie autobiographisch ist ihr Werk? Wie sieht es gerade in Ihrem oder in Frankas Leben aus?
Ganz einfache Antworten, welche die verblüffen, Antworten, die Fragen beantworten und doch ab und an neue hervorrufen, gibt es unter: http://www.lovelybooks.de/gruppe/181852410/wenn_amor_diesmal_nicht_trifft___/
Danke Diana ;o)
Sonntag, 13. Dezember 2009
Jason F. Wright - Das Weihnachtsglas
Vor einer Woche war es randvoll, nun liegen nur 7 kleine Cent-Stücke darin. Vor einer Woche war es nur unser Wechselgeldglas, was wir solange befüllen, bis es voll ist. Seit gestern hat es einen Namen. Weihnachtsglas.
Hope, nach Hoffnung benannt, weiß genau, was sie will. Seit dem Tod ihrer Adoptivmutter Louise ist die junge Journalistin noch zielstrebiger und möchte nach ganz oben, schon aus Liebe zu Louise alles geben. Ihr Traum ist es bekannt zu werden und auf die Titelseiten der Zeitungen zu kommen. Sie möchte schreiben und damit die Menschen berühren, sich mit ihren Artikeln in deren Herzen abdrucken und einen Wiedererkennungswert setzen.
Nachdem sie wie jedes Jahr zu Heiligabend im Chuck´s Chicken ´n´ Biscuits gegessen hatte, machte sich Hope auf den Heimweg und stellte erschrocken fest, dass in ihre Wohnung eingebrochen worden war. Für sie stürzte anhand der fehlenden Sachen eine Welt ein, doch fast zur gleichen Zeit fand sie ein Glas voller Münzen neben ihrer Tür vor. Wer hat ihr dieses Glas zu Weihnachten gespendet und wie weit darf man als Journalistin gehen, wenn man weiterhin geliebt werden möchte und keine neuen Freundschaften zerstören will?
Das Weihnachtskarussell beginnt sich für Hope schneller zu drehen als bisher und fördert dabei Botschaften ans Tageslicht, die ihr noch so einige Bescherungen bringen.
Ein sehr breites Band von Gefühlen deckt Jason F. Wright mit „Das Weihnachtsglas“ ab. Das Rot, die Liebe, zieht sich genau wie in „Die Mittwochsbriefe“ von der Covervorderseite bis zur Coverrückseite und legt sich zum Schluss um den Leser selbst und strahlt wohlfühlende Wärme ab.
Weihnachten hat nun eine Tradition mehr und die nächsten Stücke, die das Glas füllen, haben eine tiefe Bedeutung und werden einen besonderen Klang hervorbringen.
In China essen sie den Mond - Miriam Collee
Es gibt Dinge im Leben, von denen weicht man einfach nicht ab, man hat einfach kein Bedürfnis. Genau wie ich kein Bedürfnis habe, mir ein pinkes Oberteil zu kaufen, verspüre ich auch in allen Buchläden, die ich betrete, kein Bedürfnis, in die Abteilung Sachbuch zu gehen.
Durch unvorhersehbare Fügung, so will ich es nennen, lag dieses Buch mit flippig orangenem Cover auf meinem kleinen Buchstapel ganz oben. Halbherzig nahm ich es zur Hand, da ich eigentlich in einem Roman versinken wollte.
Und dann handelt dieses Buch auch noch von China, wo es mich persönlich doch in die ganz andere Richtung zieht.
Als ich es zum ersten Mal zuklappte, war ich bereits in der Hälfte.
Von jetzt auf gleich fand ich mich in Shanghai, China, wieder. Nie da gewesen und doch alles bildlich vor mir, die Gerüche in meiner Nase, das Chaos um mich herum. Ich, Langnase, genau wie Familie Collee zwischen chinesischen Nachbarn, toten Hühnern auf der Wäscheleine, Tupperdosen-Toiletten und Feng-shui-Geistern.
Von jetzt auf gleich, ist auch Miriam Collee und ihre Familie in Shanghai. Von jetzt auf gleich weit weg von der Heimat, ein ruhiges, gesichertes Leben in einem eigenen Haus, von Familie und Freunden Tausende von Kilometern getrennt.
Was für ein Schritt, was für eine Umstellung, was für ein breitgefächertes Chaos.
Das Gesicht des Menschen erkennst du bei Licht, den Charakter im Dunkeln.
Zitate so schön und wahr wie dieses schmücken jedes Kapitel.
Miriam Collee schreibt unverschönt, locker, leicht, luftig von der Leber weg, muss niemanden überzeugen von ihrem Lebensschritt, geschweige denn anstecken, berichtet einfach, wie es ist und war. Über neue Bekanntschaften, die Lebensgewohnheiten, ihr Umfeld, wie sie sich und ihren Mann und ihre Tochter sieht, was sie schmeckt, riecht und vor allem was sie denkt.
Ein Lebensbericht über eine aufregende, bedeutende Zeit, die ihre Spuren hinterlassen hat und diese auch hinterlassen sollte. Meinen Respekt, Frau Collee. Ich werde weiterhin keine pinken Oberteile kaufen, dennoch ab und an nach auffälligen Covern in der Sachbuchabteilung schauen.
Montag, 30. November 2009
Kafkas Puppe von Gerd Schneider

Dresden.
Ich stehe auf meinem Balkon, es ist November und der Wind trägt sanft die Zirkusmusikklänge des Sarassani herüber. Meine Gedanken werden von dem Wind, der nun weiter zieht, aufgenommen und schweben zu Lena, Lenotschka der Seiltänzerin, und zu ihrer Puppe Mira, sowie zu Franz Kafka.
Franz Kafka sitzt wie jede Nacht an seinem Tisch und schreibt. Dr. Kafka, morgens bis mittags ein ordentlicher Beamter und nachts Schriftsteller und Dichter, dessen Texte nur wenige kennen. Er schreibt meist an Geschichten, die ein trauriges Ende haben, findet seine neue Frau Dora.
„Wie könnte eine Vereinigung größer sein zwischen Liebenden, als dass sie miteinander verschmelzen!“ sagte er, woraufhin Dora erwidertet: „Sie sind verbrannt, das ist es, was bleibt.“
Doch bei Lena und ihrer Geschichte über die verlorene Puppe wird alles anders. Es ist auch nicht Lenas Geschichte bzw. nicht er, Franz Kafka, schreibt diese, sondern ihre Puppe Mira hat ihn dazu beauftragt. Kafka ist bereits schwer krank, doch diese kleine Lena ist für ihn besonders. Seit sie ihre Puppe verloren hat, trifft er sie jeden Tag an der Bank im Park und sobald die Steglitzer Kirchturmuhr zwei schlägt, müssen sie sich trennen, da sie wieder auf und davon zu ihrer Mutter rennen muss. Kein Tag vergeht ohne dieses Treffen, kein Tag ohne die Geschichte über den Reiseverlauf der zum Leben erweckten Puppe, kein Tag ohne Begegnung mit Oberst Behrens und seinem Collie Karo.
Eine wunderbare, herzzerreißende und doch so einmalig einfühlsame Begegnung voller Liebe, Vertrauen und Halt, in der Zeit des Krieges und der Konzentrationslager.
Kafkaesk bedeutet undurchschaubar, geheimnisvoll, bedrohlich.
Kafka, ist das nicht dieser schwierige Schriftsteller? Nein, nach diesem teils autobiographischen Werk ist Kafka eine Persönlichkeit, die nie vergessen werden darf, denn spätestens im Nachwort hat sich dieser Mann in allen Buchliebhaberherzen einen festen Platz gesichert.
Herr Mozart wacht auf von Eva Baronsky

Was wäre, wenn wir im genau Jetzt das Jahr 1791 schreiben würden und in Wien erwachen?
Genauso ergeht es Wolfgang Amade Mozart, nur dass er in unserem Zeitalter, im 21. Jahrhundert, erwacht. Völlig verwirrt, irritiert von seiner ganzen Umgebung, dem Stimmengewirr um sich herum, findet er sich in einem Bett wieder. Vor ihm ein Mann mit einem T-Shirt mit der Aufschrift AC/DC. Adorate, Chrubim, Dominum Cantu denkt Mozart obwohl wir alle wissen, dass es die englische Abkürzung für Wechselstrom/Gleichstrom ist und diese Band für Rock bekannt ist. Auch dass es in unserer Welt keine Nachttöpfe mehr unter den Betten gibt, wir keine Kerzen mehr brauchen, sondern nur noch den Lichtschalter drücken müssen und fließendes Wasser aus der Leitung kommt, weiß Mozart nicht. Er betritt Neuland in jeglicher Art und Weise und muss versuchen sich zurecht zu finden. Die Mitmenschen schauen ihn merkwürdig wegen seiner altertümlichen Sprache an und er ist verdutz, als ihm keiner glauben schenkt, wenn er sich als Mozart vorstellt. Statt ihm zu glauben, werden vor dem Dom Eintrittskarten für ein Konzert von ihm verteilt und auch seinen Namen mit seinem Todestag findete er auf einem Ornament am Boden.
Als er seine Musik von Cd´s anhörte, die ihm Pjotre, ein polnischer Straßenmusiker, der nicht legal in Wien wohnt, aber ihn vorerst bei sich in der Unterkunft aufgenommen hat, vorspielt, ist er empört. Was fällt diesem Holzkopf von Süßmayr ein, seine unvollendeten Werke zu vollenden und diese dann wie eine hirnlose Scheißhausfliege klingen zu lassen.
Nicht nur das bringt den sich umbenannten Wolfgang Mustermann aus dem Konzept.
U-Bahn, Toilettenspülung, Telefon, Autos und vieles mehr bringen ihn fast zur Verzweiflung.
Auch die Liebe macht vor Wolfgang nicht halt und seine geliebte Musik macht ihn noch berühmter, als er schon ist. Das Abenteuer im Jahr 2006 zu leben, beginnt.
Mozart und klassische Musik sind out und langweilig? Nicht mehr nach diesem musikalischen, teils autobiographischen Roman. Ein eins zu eins Hineinversetzen in Mozart, wie er sich heute fühlen würde, wie er denken, empfinden und unsere Welt sehen würde, gelingt Autorin Eva Baronsky, als ob sie selber dieses Erwachen durchlebt hätte.
Mozart war mir selten so nah und in seinem Wesen so symphatisch wie jetzt und ein Besuch der Stadt Wien ist einfach eine Pflichtveranstaltung, die man mit voller Vorfreude antritt, in der Hoffnung, Mozart im Jazzclub Blue Notes oder in einem anderen Lokal anzutreffen.

